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Berichte & Ergebnisse 2017

Der Tag danach…………….

Beitrag von Horst Matznick.

Heute ist Montag. Ein Tag wie sonst jeder andere, obwohl London anders als Berlin ist. Ein Aufenthaltswechsel gilt gemeinhin als Urlaub, obwohl auch das hier ein wenig anders ist. Jedenfalls war es erst 8 Uhr, als uns die englische Sonne zum Aufstehen mahnte. Natürlich: In Berlin zeigten die Uhren bereits 9 Uhr, da stehen die Leute schon voll im Business. Wir dagegen lehnen das hier voll ab und haben Glück, unser Frühstück bereiten wir selbst zu. Kein Breakfast nach Inselart mit beans, sausage, fried eggs, porridge und den sonstigen Mittagsbeilagen. Unsere Bleibe (edel, gut und gemäßigt teuer) bietet alles vom Feinsten, nur einkaufen müssen wir schon selber. So sind wir frei von den meisten vorgetischten Zwängen. Nicht ganz, denn mir zwacken die Oberschenkel von gestern und treppab gehen ist eine Qual. Dabei steht heute quasi ein Steh- und Lauf-Highlight heran. Das British Museum. Ich sag`s gleich, weil es so toll war, tat dann kaum noch etwas weh. 6 Stunden Museum (viel zu kurz) und anschließend 3 Stunden walking around Westend, St. James Park, Buckingham Palace und Harrod`s, das Luxus-Kaufhaus in Katar- (Quatar)-Hand. Nun ist der Abend gekommen und mir fällt plötzlich der heute verloren geglaubte gestrige Tag ein. Gestern - gestern liegt schon so lange zurück. Hieß es nicht Urlaub für 6 Tage in London zu machen? Gut. Lassen wir mal den ¾ Tag Marathon und den ½ Tag Docklands zur Abholung der Startunterlagen außen vor, ansonsten stimmt es. Der ¾-Tag begann am 23. April 2017 bei mir schon um sechs Uhr. Kurzes Frühstück. Rein in die Rennklamotten, denn es galt, den Marathoni in mir wenigstens einigermaßen ruhig zu stellen, keep cool with your blood-pressure, sagen die Briten. Bis zur Subway Aldgate East sind es nur 150 Meter, 1 x umsteigen Bow Row/Bow Church Richtung Greenwich. Den Vorort kennt jeder (0 – Meridian). Marathon in London mit dem Start in Greenwich eher nicht. Unter den Eingefleischten der Langstreckler bleibt es ein Sehnsuchtsort, der nur mit viel Glück angegangen werden kann, wenn die StartNr. auf legalem und bezahlbarem Wege zugeteilt wird. Den 40. – 45.000 Startplätzen stehen ca. 250.000 Online-Bewerber gegenüber. Vier Jahre habe ich vergeblich gehofft, in Großbritanniens Hauptstadt beim Marathon antreten zu können, nur weil dieser Ort neben Boston, New York, Chicago, Berlin und Tokio zu den big six der Marathonveran-staltungen in der Welt zählt. Kurz und gut, meine Startnummer lautete 56 862 (rot) Die hing gut sichtbar mit Sicherheitsnadeln befestigt am Rennleibchen, diesmal ausnahmsweise in der Ausschmückung des Berliner Jubilee Clubs, jedoch gemeldet für meinen Verein Pro Sport Berlin 24. Dass ich in diesem Jahr meinen 35. Berliner Marathon bestreite, sollte man mir gönnen, weil der eben auch Wegbereiter für London („Ehrenjubiläumsläufer“) gewesen ist. Mehr verrate ich nicht. Am 20. April durfte ich meine verehrte Frau Uta auf ihrer Kurzurlaubsreise nach London begleiten. Nur deshalb gelang es mir, die eigenhändig geforderte Abholung der StartNr. in den Messehallen der Docklands (Hafenviertel) zu verwirklichen. Darum gab es Sonntag früh keinerlei zurück vom Lauf und - by the way – diese Chance kommt nie wieder. Die Chance dagegen die richtige U-Bahn zu benutzen, stand ziemlich gut, weil um ½ 8 Sonntagmorgen die Weltstadt so erwacht wirkt wie Kyritz an der Knatter nach Ladenschluss. In Greenwich angekommen sammeln sich die Massen, um die 15-Minuten-Wanderung zum Startgebiet anzutreten. Es gibt drei verschiedene Startgruppen: Rot, Grün, Blau. Erst bei Mile 3 treffen alle zusammen. Ich hatte Rot im Block 5. Neun Blocks gab es. Was merkwürdig stimmte: Der Riesenlauf war spärlich mit Ausländern besetzt. Ich konnte im Umkreis nur mich und sonst keinen einzigen weiter ausmachen. Erfreulich: viele Frauen. Aber ich hörte Walisisch, Gälisch und ein paar nicht zuzuordnende Laute, die wohl zum mundartlichen Cockney (Londoner Dialekt) gehört haben könnten. Die Kleiderbeutel konnten zuvor wie anderen Orts mit nicht übereinstimmenden Start-/Ziel-Bereich an zugeordneten Lastwagen abgegeben werden. Das klappte bestens.

Nun noch die letzten Dinge regeln, die immer vor einem Rennen anstehen: Sanitäres und mehr. Auch das war schnell erledigt. Keine Wartezeit an den Pinkelecken (kaum Einzelbuden oder –häuschen), sondern nach M/W eingezäunte und sichtgetrennte Bereiche, die dem Massenandrang locker gerecht wurden. Wäre auch in Berlin denkbar.

20 Minuten bis zum Start, kontrolliert rein in den Startblock, der sich recht bald füllte. Mein Londoner Mitstarter Peter, vor zwei Minuten kennengelernt, sah einigermaßen lustig aus. Grünes wallendes Haar, passend zur grünen Laufkleidung. Eigentlich nicht wunderlich, gibt es doch eine Unzahl merkwürdiger Verkleidungen, die alles andere als auf eine Langstreckenteilnahme hinweisen. Der „Vergin-Money-London-Marathon“, so die volle Bezeichnung, ist sowohl leistungsorientiert wie gleichzeitig Breitensport und bestimmt zu 5% Jux-Veranstaltung. Viele Starter/innen spenden für den Charity-Club, der alljährlich Millionen ₤-Beträge (in diesem Jahr wohl 6 Mio ₤) an Behinderten- und Krankenorganisationen speziell für Kinder überweist. Das ist ganz groß angesiedelt und darum: Respekt!!

Zu Peter: Er hatte zwei Fotos einer hübschen Frau auf seinem Trikot und mit Band an seinem Oberarm. Auf meine Frage nach der Bedeutung, kam die traurige Antwort, dass er den Lauf seiner vor kurzem im Alter von 59 Jahren verstorbenem Frau gewidmet hat (dedicated to my wife). Viele Umstehende hörten das und einige traten auf uns zu und umarmten Peter und mich und riefen: „This race in memories and love for your wife.“ Bei gleichzeitiger Freude kamen ihm die Tränen. Punkt 10 Uhr hörten wir den Startschuss. Kein Gedrängel und Geschiebe, british courtesy. Fünf Minuten später ging es unter good luck-Rufen auch für uns los und schnell verloren wir uns aus den Augen. Der schöne Moment bleibt in Erinnerung.

Mein Ziel hieß 4 Std. 15 - 4 Std. 25, also ganz ruhig. Greenwich, am Rande Londons, doch schon als das erste Wohngebiet erreicht war, nistete sich in den Ohren der Teilnehmer ein Geräuschpegel im Ohr ein, der wahrscheinlich 120 Dezibel überschritt und schlimmer noch, die Strecke über beibehalten bleibt. Trotzdem toll. Die Zuschauer sind einfach unbeschreiblich. Wenn in Berlin mit einer Million Zuschauern geprotzt wird, so müssen es hier 3 x so viel gewesen sein. Wenngleich die Atmosphäre in Berlin mit den unzähligen Musik- und Trommelgruppen kaum schlagbar ist. Nun aber keine weiteren Vergleiche mehr. London ist London, Berlin bleibt Berlin.

Ab km 10 (6 miles + ca. 370 yards) entzerrte sich das Läuferfeld langsam. Der Lauf ohne Hindernis war allerdings weiterhin schwierig. Als der stillgelegte Alt-Segler „Cutty Sark“ in Sicht kam, war das Stadtgebiet nahezu erreicht, unschwer an den weiterhin zunehmenden Zuschauermengen zu erkennen. Noch immer lief es gut. Die Wetterbedingungen waren ideal (14° C, Sonne und nur leicht bewölkt, hin und wieder etwas Wind). Beim leichten Anstieg zur Tower-Bridge und der abwärts ziehenden Rechtskehre bei Halbmarathon wog ich mich noch in guter Hoffnung. Meine Uhr zeigte 2:00:02, genau richtig. Weiter so, dachte ich. Jetzt kam eine große Schleife, die sich mächtig hinzog. Bei mile 17 (27,2 km) bekam ich Schwierigkeiten. Das Gleichgewichtsgespür ließ nach und mir wurde leicht schwindelig. Ein untrügliches Zeichen für den instabilen Kreislauf. Hatte ich nicht noch vor einer Woche eine dicke Magen- und Darmmalaise und das einfach ignoriert? Ja, ja, da haben wir es wieder: kleine und große Sünden werden bestraft. Meilen sind bekanntlich länger als Kilometer (1,61/1), die schlichen jetzt mehr oder weniger dahin. Mitzuhalten im gleichsam langsamen 6:30 Tempo war schon nicht mehr drin. Und so sorgten Gehpausen für die Abkehr von der ursprünglich avisierten Zeit. Dennoch war es die richtige Entscheidung, weil sonst das tatsächliche Aus gedroht hätte. Bis 22 Meilen schleppte ich mich dahin und die Wahrnehmung des Umfeldes war die einzige Freude zu diesem Zeitpunkt im Rennen. So konnte ich Uta wenigstens 1 x sichten. Sie hingegen konnte mich 3 x ausmachen, brüllte (wie ungewöhnlich für diese stille Frau) aus voller Kraft, ohne dass mich ihr Ruf erreichte, wohl deshalb, weil die versammelte Tribüne noch lauter war.

Das Streckenprofil ist an manchen Stellen ziemlich giftig. Lang sich hinziehende Schleich“anstiege“ und eine richtig dicke Steigung rauben einem doch den Atem. Der läuferische Marathon war längst dahin, doch das Ankommen stand für mich außer Frage. Die letzten 1 ½ Meilen entlang der Themse wollten nicht enden. Als das House of Parliaments auftauchte und Westminster Abbey passiert war, kam der Schlusspunkt mit Buckingham Palace und Victoria Memorial. Die Queen und ihr Gemahl sollen zugeguckt haben. Ich sah sie nicht oder zu meiner Zeit saßen die beiden schon beim Tee. Nur noch 300 Meter nach rechts in The Mall am St. James Park und die Qual war für mich beendet. Richtig freuen konnte ich mich nicht: die Zeit von 4:43:39 ist selbst für einen Opa wie mich nicht unbedingt zum Vorzeigen. Der Stolz kehrte wieder als ich die imposante Medaille am Halse hatte.

London. Ein Wunschtraum ging in Erfüllung. Im Ziel herrschte eine merkwürdige Stille, keine Jubelschreie, alles sehr diszipliniert, was wohl auch an den oberstrengen Service-Leuten lag. Der konsequent durchgeführte Security-Dienst hat allerdings seine absolute Berechtigung, denn Gefährdungspotenzial gibt es hier allemal, drum gilt es ein zweites Boston unbedingt zu vermeiden. London ist wie Paris und Berlin mit Attentaten geschlagen genug. Gestern lief alles so sicher ab, wie sich der Marathon-Traveller eine gelungene Veranstaltung vorstellt: Abgehakt voller Dankbarkeit.

London nur zum Marathon? Keineswegs. Der überwiegende Teil unserer Zeit galt den eigentlichen Interessen. Kultur ohne Ende. Zunächst musste wenigstens eine Tüte Schlaf sein, sonst hätte ich den Abend nicht durchgestanden. Auf dem Programm stand William Shakespeares „Romeo and Julia“. Wo? Natürlich im Globe-Theatre, dem historisch nachgebauten Ort, dort, wo ausschließlich Shakespeare-Stücke unter fast freiem Himmel stattfinden. Zwei zurückgegebene Karten verschafften uns den Zugang zu 2 Holzbanksitzplätzen im first floor. Auf der Plattform vor der Bühne stehen die Leute 2 ½ Stunden + 30 Minuten Pause. Eine ungewöhnliche Inszenierung, alt und neu gemixt, wurde uns geboten. Der alte Text, von dem wir längst nicht alles verstanden haben, führte durch die uns bekannte Story und das gute Schauspiel zu einer Einheit. Uns hat es gefallen, allein schon wegen des ungewöhnlichen Rahmens. Zwei Höhepunkte an einem Tag. Grenzwertig zu viel. Anmerkung: Es folgten Stadtmärsche kreuz und quer mit allen möglich Besichtigungspunkten, die man sich in 6 Tagen vorstellen kann: British Museum, National-Gallery, Somerseth-House, Tate-gallery, Victoria and Albert Hall, Temple-District und natürlich Harrods, Märkte, Parks, zwischendurch Architektur ohne Ende. Noch ein Höhepunkt: Dienstagabend Treffen mit Tochter Katja, die zufälligerweise geschäftlich gerade hier weilt. Auf in den Pub. Menschen, Menschen und nochmals……………………Berlin ist überschaubarer und längst nicht so hektisch. Wie schön, wieder nach Hause zu kommen. Doch London jederzeit noch einmal. Horst

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