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Berichte & Ergebnisse 2017

Opa läuft für alle

Beitrag von Horst Matznick.

Berlins 44. Auflage des Marathons anno 2017

Vorbei. Ein Wort das nicht unbedingt geschätzt wird, bekommt es doch bei tatsächlicher Vollendung eine wortnahe Bedeutung von Vergänglichkeit. Beim Marathon gebrauche ich dieses Wort allerdings nur allzu gern, denn diese Sportart mit dem früheren Hauch von Exotik ist ja längst der Vergänglichkeit enteilt und all die teilnehmenden Massen finden sich in der Vorbereitung zu einem solchen Ereignis in einem derartigen Anspannungsverhältnis, dass oft schnell gewünscht wird: „wenn`s hoffentlich bald vorbei ist.“ Richtig. So geht es mir von Mal zu Mal. Erst wenn der spannungsgeladene Moment gekommen ist, auf den Startschuss zu warten, dann erst weicht das Kribbeln im Bauch, vor allem aber das schlechte Gewissen, in der Trainingsphase wieder einmal alles falsch gemacht zu haben. Mit dem Schuss ist Schluss für derartige Gedanken. Nun musst du laufen, wie alle anderen auch, egal wie sich das Wetter gebärdet (vom Unwetter bis zum gleißend-beißenden Sonnenstrahl - alles schon erlebt) oder wie viel oder wie wenig, vor allem welche Trainingseinheiten du geleistet hast. Also los jetzt, ich spuck`s raus:

Der Marathon ist am schönsten - wenn er vorbei ist.

Habe ich etwas Falsches gesagt? Dabei sage ich das jetzt Stunden nach dem heutigen Geschehen am 24.09.2017. Zunächst gilt es allerdings, noch einmal festzuhalten, dass an diesem Tage ein wesentlicher Bestandteil der Stimmungslage ohne Zweifel vom Wetter herrührte. Ein bisschen trübe, Sprühregen von Beginn an, nicht gerade förderlich für angepeilte Weltrekordambitionen, mit denen ja von Berlin aus hausieren gegangen wird. Früher sprach man von Weltbestzeiten. Längst passé. Weltrekorde brauchen bestimmte Strecken (Rundkurs mit Start- und Zielbereich an möglichst gleicher Stelle, nicht zu heftige Steigungen, auch die Abwärtsvariante darf nicht zu krass sein und schließlich müssen die Wettkampfbedingungen generell den Regeln des Weltleichtathletikverbandes (IAAF) entsprechen, der die offiziellen Weltrekorde registriert.

Entschuldigung. Wieder einmal abgekommen vom eigentlichen Thema, obwohl Berlin Spitzenreiter in der Marathonrubrik ist. Nun, mit einem neuen Weltrekord wurde es 2017 doch nichts. Der Kenianer Eliud Kipchoge lief, nein flog, in 2:03: 32 über den Zielstrich. „Nur“ 36 Sek. schnelleres Fliegen, schon gäbe es einen neuen Champion.

Das Gros der anderen Starter bekam dieses wahnsinnige Sprintduell der Außerirdischen aus Kenia und Äthiopien überhaupt nicht mit. Wie gut auch. Es ihnen gleichzumachen, wenn auch auf weit niedrigerem Niveau, überstiege wohl glatt unser aller Leistungs-, noch besser, Verständnisvermögen. Bleiben wir bei den Breitensportlern. Für die meisten von ihnen (mich bitte noch immer mitzählen) war die Wetterausrichtung nahezu die Idealsituation, um die Königsdisziplin von 42,195 km komfortabel zu bewältigen. Knallige Hitze oder jegliche ungeschützte Sonnenbestrahlung mögen Marathonis überhaupt nicht. Schweißfluss entsalzt den Körper, permanentes Trinken wird zur lästigen Pflicht. Ganz anders bei Regen. Erfrischung von oben, weniger Transpiration und statt des dauernden Anrennens der Getränkestationen kann getrost die eine oder andere Anlaufstelle ausgelassen werden. Doch immer schön darauf achten, dass die Füße nicht allzu nass werden. Die Gefahr des Rutschens im Schuh und vor allem aber mögliche Blasenbildungen im Bereich der Zehen werden sonst begünstigt. Muss ja nicht sein.

Ich sah im eingezäunten Rennsperrbereich kaum Leute, die frierend oder gar ängstlich beim Kleiderwechsel waren, sondern frohgemut irgendeine Pelerine oder ein Wegschmeiß-T-Shirt überzogen, um sich in der Wartephase bis zum Start warmzuhalten. Es lag zwar Feuchtigkeit aber keine Aufgeregtheit in der Luft. Für mich jedenfalls war es mein Wunschwetter. Wenigstens ein Plus, denn eigentlich hätte ich nicht laufen dürfen. „Sie sind leider nicht sportgesund und ich rate Ihnen dringend vom Marathon-Rennen ab.“ So lautete eine für meine Begriffe ziemlich unverständliche Diagnose aus einem sportmedizinischen Institut, 14 Tage vor dem Start. Mein hoher Blutdruck abends zu Beginn der um 18 Uhr stattgefundenen Untersuchung mit einem Laufbandtest war ausschlaggebend. „Das kann ich nicht verantworten“, so die Feststellung der Ärztin beim Abbruch des Tests. Ich wusste nicht warum, war ich doch noch nicht einmal warmgelaufen und zeigte weder Anstrengungssymptome, erhöhten Puls oder heftiges Schwitzen, aber der Blutdruck 240/90 schien allerdings bedenklich. „Stellen Sie sich das mal 4 Stunden beim Marathon vor!“ Habe ich mir nicht vorgestellt, sondern in der weiterführenden Vorbereitungszeit sehr genau darauf geachtet, wie sich mein Befinden darstellt. Morgens, mittags - alles im grünen Bereich, besonders im Anschluss an Trainingsläufe (12 – 25 km). Abends meldete sich jeweils der rote Bereich 150 – 160/88 – 74. Der Kardiologe wird mich Anfang Oktober wiedersehen.

Ich lief meinen 35. Berliner Marathon und den 65. insgesamt. Ein Jubiläum, war guter Stimmung, weil der Blutdruck seltsamerweise und offensichtlich „sportgesund“ erschien (124/74/48 Puls). Start mit mehr als 40.000 Mensch*innen. Und es lief gut bei gedrosseltem Schaum. 6 Min/km lautete meine Devise. Doch jedes Rennen ist stets anders. Zunächst blieb ich stets 10 – 20 Sekunden darunter (na klar, die Adrenaline). Erst bei km 15 wurde ich „vernünftiger“. Nach der Hälfte (2 Std. 01 Min.und etwas) hatte ich Gelegenheit, öfter (3x) einen Stopp einzulegen. Familie war mir wichtiger als Zeitambitionen, jedenfalls die Enkelkinder und der laufende Opa haben sich gegenseitig erfreut, sich auf diese Weise zu treffen. Und zwischendurch gab es auch noch 2 P…pausen. Diese Stopps kosteten Zeit, doch es gab keine Passage, wo ich schlapp gemacht habe, weil alles wegen des moderaten Tempos bestens lief. Da kam richtig Freude auf. Und es wurde mir durch etliche Zurufe bestätigt: „Horst, du siehst gut aus.“Ja, wirklich, endlich seit langem ein Lauf, der zufrieden stellte. Wenngleich auf den letzten 7 km nicht mehr die Frische vorhanden war (ein sehr kurzer von Marathon-Ratgeber Galloway empfohlener 30-Meter-Marsch - ich sag`s nur deshalb, weil mich just in diesem Moment ein fieser Fotografenklick traf), so ist die Reststrecke nicht im vollen, sondern eher im versammelten Galopp ohne jegliche Wehwehchen absolviert worden. 4:21:40 – keine Traumzeit, aber immerhin Platz 7 bei den alten Opas M 75 und nur zwei Deutsche waren vor mir da. Eigentlich unwichtig, dennoch erfreulich. Und der Blutdruck danach? Eine Stunde später zuhause, so als wäre ich nicht außer Haus gegangen 126/72/75 Puls (abends wieder 54). Alles gut gegangen – der Kardiologe bekommt trotzdem Besuch von mir und, versprochen, ich werde nicht leichtsinnig.

Ansonsten: Kein Weltrekord, weniger Zuschauer (die mögen Regen eher weniger), trotzdem gaben sich Trommler und Bands große Mühe. Vor allem den unzähligen Helfern und Organisatoren und….und…..und sowie meinen Liebsten allerherzlichsten Dank - jeder Zuspruch half.

Nächstes Jahr kommt für mich der Umsonst-Start* beim 45. Berlin-Marathon 2018 am 18.09.

• (*Wer 20/25/30/35 oder sogar 40x in Berlin gelaufen ist, darf am darauf folgenden Lauf stets ohne Zahlung der Startgebühr antreten.)

• Wann ist der Marathon am schönsten? Haben wir uns gemerkt: wenn er vorbei ist.

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