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Berichte & Ergebnisse 2009

Mein erster Marathon - in Wien

Beitrag von Horst Matznick.

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19. April 2009: 26. Vienna City Marathon (VCM)

Wir können glücklich sein, dass hier keine österreichischen Boulevard-Zeitungen präsent sind, sonst würde das tägliche Grausen noch vor der BILD-Zeitung rangieren. Denn was dort einige Schreiberlinge als Berichterstattung an die Öffentlichkeit bringen, hat mit Pressearbeit geschweige denn Journalismus wenig zu tun. In Sachen Sport wird zwischen Sensationsmache, Übertreibungen und Märchen kaum ein Unterschied gemacht, was wohl auch für andere Redaktionen gelten wird. Bleiben wir einmal beim Marathon letzten Sonntag: "Hitzeschlacht für Läufer und Fans, Fast 29.000 Teilnehmer, nur 5.003 schafften die Marathondistanz, Heiße Sohlen. Die unbarmherzige Sonne sorgte auf den Straßen für 25 Grad - zuviel für Läufer. Die 300.000 Zuseher waren eine Wucht." Aua, allein schon die Schlagzeilen, der VCM hat Besseres verdient.

Wien zeigte sich von der liebenswürdigsten Frühlingsseite. Strahlender Sonnenschein, kein Windzug. Perfekt für Touristen, für Langstreckenläufer eher bedingt geeignet. Dennoch war der VCM sehr gut organisiert und meine Befürchtungen, dass dem Zugereisten bei 29.000 Startern Probleme entstehen, waren völlig unbegründet, wenn auch das Zahlenspielchen mit den Zehntausenden von Teilnehmern verwirrte. Der Reihe nach.

Klein, aber fein, die Marathonmesse auf der Donauinsel (Messegelände). Keine Nudelparty, sondern Kaiser- oder Apfelschmarrn am Sonnabendnachmittag im prunkvollen Festsaal des Wiener Rathauses. Ein Gaumenkitzel mit Lust auf mehr. Wien bietet dem Kulturinteressierten unendliche Möglichkeiten, und die Stadt selbst versprüht Charme und Eleganz, denen sich kaum jemand entziehen kann. Also rein ins Vergnügen.

Als letzte "Trainingseinheit" galt nach Empfang der Startunterlagen ein fast 4stündiger Rundgang durch das Zentrum der 1,7 Mio.-Stadt mit den wichtigsten Anlaufstellen für die Nachmarathonzeit, das musste reichen. Das Verkehrssystem ist vorbildlich. Die öffentlichen Verkehrsmittel werden intensiv genutzt, denn Parkplätze sind äußerst rar und draller Autoverkehr würde die schöne Stadt förmlich kaputt machen. Weil das eben nicht so ist, gibt es wenig Hektik. Man hat Zeit. Warum rennen, wenn 5 Minuten später sowieso die nächste Bahn/der nächste Bus kommt?

Die Vorfreude auf den Besuch der zahlreichen Cafés und auf den Genuss von einem Braunen, Verlängerten, Einspänner, Fiaker oder selbst "ausländischen" Kram wie Latte Macciato, Espresso, Capuccino in Verbindung mit den exquisiten österreichischen Mehlspeisen erhöht die Speichelsturzgefahr: Die Belohnung nach dem Rennen ist ein Muss!

Sonntag früh, 09:00 Uhr. Start an der (Donau-) Reichsbrücke nahe der UNO-City. Alles geht ganz locker. Schon bald sind die Startfelder stramm gefüllt. Kein Wunder, hier steht im Gegensatz zu anderen Großstadt-Läufen alles kreuz und quer durcheinander. Alle Wettbewerbe werden zugleich gestartet (Ausnahme: Junior-, sprich Schülerlauf (4,2 km, ähnlich Berlin) = 5.000 Teilnehmer). 6.358 Marathonläufer stehen zwischen etwa 9.000 Halbmarathonies und den 2.250 beginnenden Staffelläufern (4 x 10.539 m) = bei dreimaligem Wechsel an genau vorgegebenen Stellen der Strecke, demnach 9.000 Teilnehmer. So, nun haben wir endlich die Gesamtzahl = 29.358 Läufer und Läuferinnen.

Der Start hat Stil. Walzermusik von Johann Strauss, alles verhalten, ruhig und sonnig vom Gemüt. Der Startschuss ertönt und gleich geht es über die Donau. Eine Strecke, die durchaus Spaß macht, kurzweilig und interessant ist. Fluchtgeld oder den Schwarzfahrerausweis mussten viele dabei gehabt haben, denn längs der Strecke (außer im Prater) gibt es U-Bahn-Stationen én masse und immerhin sind von den Königsläufern 1.355 nicht ins Ziel gekommen "Nur 5.003 schafften die Marathondistanz." Nach langem "Mitlaufen" sind die "Halben" endlich rechts heraus gelaufen. Für sie ist das Ziel erreicht. Auf dem Heldenplatz dürfen sie schon die Arme hochreißen, weil alles so "gigantisch" war und "mein Gott, was bin ich stolz" (Zitate aus der Zeitung) festgehalten werden. Im weiteren Renngeschehen wird alles übersichtlicher.

Die Staffelläufer waren sehr diszipliniert an ihren A- (Start), B- (1. Wechsel usw.), C- und D-Plätzen. Von der B-Zone an standen die Läufer immer in 100er Gruppen, die gut gekennzeichnet und überwacht waren, damit keiner schummelt. Demnach müssen es 23 Gruppen gewesen sein, bei denen der Wechsel des Chips offensichtlich problemlos funktionierte. Auch alle 5 km-Zwischenzeiten, die Halbmarathonzeit und km 42 sind elektronisch erfasst worden. Letztlich sind die Endergebnisse wie überall auf Brutto- und Nettozeit ausgerichtet. Einwandfrei.

Die Versorgung gab zu keinen Klagen Anlaß. Getränke reichlich. Wer allerdings unterwegs fertige Menüs, womöglich Wiener Schnitzel erwartete, wurde bitter enttäuscht. Der Wien-Marathon macht schlank. Kein Wein, kein Bier, nicht einmal Sacher-Torte. Dennoch: Alle Finisher durften eine Belohnungstüte mit vielen Überraschungen in Empfang nehmen.

Der Prater ist für alle Teilnehmer ein Segen, weil die Bäume angenehmen Schatten spenden. Die Ausnahme kommt bei Umrundung des so genannten Lustturms (na, wer denkt da schon noch an Bäume?). Da ruckt das Tempo wieder eine Weile an, um nach Verlassen der Hauptallee bei km 35/36 erneut beim Schlappschritt zu landen. Wie so oft wird auch ab hier die Strecke wieder richtig lang. Endlich, am Ring angekommen noch 2 km. Gut, dass ich wie seit Jahren ohne Uhr lief, sonst hätte mich der völlig überflüssige Ehrgeiz noch richtig fertig gemacht. Bedachtsam konnte ich Reste meiner Doping-Coca-Cola bis ins Ziel retten, um mich hernach damit zu erfrischen. Endlich vorbei: 3:31:30, Platz 1.199, Platz 3, AK M 65. Zugegeben: Der letzte Biss fehlte mir.

Sieger: Gilbert Kirwa, KEN, 2:08:21, Siegerin: Andrea Mayr, AUT, 2:30:43.

Beim Zieleinlauf auf den Heldenplatz fühlt sich jeder sekundenlang mit den Namensgebern verbunden, das hatte etwas.

Fazit: Kein Lauf der Superlative, aber gefühlvoll, freundliche Zurückhaltung mit Momenten begeisternder Wallungen der überschaubaren Zuschauermengen. Kein Radau, sondern fröhliche Stimmung, sehr angenehm.

Sonne? Warm? Das war vorhin. Jetzt langsam weitergehen, Medaille abholen und an Sachertorte, Apfelstrudel, Palatschinken, Pistazienrolle, Linzer Torte oder gar Marillen-Knödel mit Schlagobers denken. Ooooh und erst der Wein abends in Grinzing.Burg-Theater, Oper, Hofreitschule, Hundertwasser, Museen, die uns interessierten, nicht zuletzt der Treff neuer Freunde vor Ort. Es war die reinste Wonne. Wien, Wien nur du allein? Oder Wien noch einmal? Mindestens, auch wenn die Presse erneut wieder übertreiben sollte, von wegen Hitzeschlacht oder grauenvolles Unwetter, nur weil drei Regentropfen fallen sollen.

Laufen und gesund ankommen wollen doch alle, ob Minus- oder Plusgrade, Wasser von oben oder Wind von vorne, Wamsdrammeln oder Achillessehnenschmerz. Hinterher ist alles vergessen. Der nächste Lauf kommt bestimmt.

Horst

Glückwunsch Horst!

Kommentar von Johannes Bauer, 01.05.2009, 13:09:

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